Wien ist die einzige Millionenstadt mit nennenswertem Weinbau im Stadtgebiet. Im September und Oktober, wenn der Sturm frisch im Fass ist, zeigt sich die Stadt von ihrer entspanntesten Seite.
Wien ist die einzige Millionenstadt der Welt, die nennenswerten Weinbau innerhalb ihrer Stadtgrenzen betreibt. Rund 600 Hektar Rebfläche, mitten im Gemeindegebiet, erreichbar mit der Straßenbahn. Und im September und Oktober, wenn die Lese läuft und der Sturm frisch im Fass ist, zeigt sich die Stadt von ihrer entspanntesten Seite.
Wenn du nur eine Sache in Wien machst, die keine Sehenswürdigkeit ist: Geh zum Heurigen.
Was ein Heuriger überhaupt ist
Ein Heuriger ist ursprünglich kein Lokal, sondern ein Recht. Winzer dürfen ihren eigenen Wein an Ort und Stelle ausschenken – ohne Gastgewerbekonzession, aber nur zeitlich begrenzt. Ein Buschen über der Tür zeigt an, dass gerade "ausg'steckt" ist, also geöffnet.
Daraus folgen ein paar Eigenheiten, die Erstbesucher überraschen:
- Beim echten Heurigen gibt es keine Kellner. Du holst dir das Essen selbst an der Budel, meist nach Gewicht.
- Das Essen ist kalt. Aufstriche, Schinken, Speck, Blunzn, Liptauer, eingelegtes Gemüse, Brot. Warme Küche gibt es nur beim Gasthaus-Heurigen.
- Der Wein kommt aus dem eigenen Weingarten. Deshalb ist die Karte kurz – Grüner Veltliner, Riesling, Gemischter Satz, ein bisschen Rot.
Der Wiener Gemischte Satz ist dabei die lokale Spezialität: verschiedene Rebsorten stehen gemischt im Weingarten und werden gemeinsam gelesen und gekeltert. Er ist seit 2013 als DAC geschützt und schmeckt fast überall etwas anders.
Sturm – warum jetzt die beste Zeit ist
Sturm ist Traubenmost in Gärung, irgendwo zwischen Saft und Wein. Er ist trüb, süßlich, prickelt leicht und hat je nach Gärstadium zwischen vier und zehn Prozent Alkohol. Weil er weitergärt, lässt er sich kaum transportieren und praktisch nicht lagern – deshalb gibt es ihn nur dort, wo er entsteht, und nur für ein paar Wochen im Jahr.
Die Saison läuft etwa von Ende August bis Ende Oktober, der Höhepunkt ist der September. Wenn du in diesen Wochen in Wien bist, ist das ein guter Grund, den Ausflug nicht auf die nächste Reise zu verschieben.
Eine Warnung: Sturm trinkt sich wie Saft und wirkt wie Wein. Zwei Gläser sind mehr, als sie sich anfühlen.
Die drei Heurigen-Gegenden
Grinzing – die bekannteste
Das Postkarten-Grinzing mit den Kopfsteinpflastergassen und den alten Winzerhäusern. Entsprechend gut besucht und teilweise auf Busgruppen ausgerichtet – aber die Kritik daran ist übertrieben. Wer die Hauptstraße verlässt, findet nach wie vor sehr gute Betriebe.
Der bekannteste ist der Heurige Mayer am Pfarrplatz – in dem Haus, in dem Beethoven 1817 den Sommer verbrachte. Dass er dort an der Neunten gearbeitet haben soll, ist gut erzählte Legende; das Haus ist trotzdem echt und der Wein gut. Gleich um die Ecke liegt das Beethoven-Museum in der Probusgasse, falls du den Besuch mit etwas Kultur verbinden willst.
Anfahrt: Straßenbahn 38 ab Schottentor bis Endstation.
Nussdorf und Kahlenbergerdorf – die ruhigeren
Ähnlich hübsch, deutlich weniger Betrieb. Nussdorf erreichst du mit der Straßenbahn D bis zur Endstation. Von dort führen Wege direkt in die Weingärten am Nussberg, mit dem wohl besten Blick über die Stadt, den man beim Weintrinken haben kann.
Neustift am Walde und Stammersdorf – die für Einheimische
Neustift liegt am Waldrand im 19. Bezirk, Stammersdorf auf der anderen Donauseite im 21. Hier sitzen kaum Touristen. Wenn du wissen willst, wie ein Heuriger ohne Publikum funktioniert, fahr nach Stammersdorf – die Straßenbahn 31 bringt dich hin.
Weinwandern: von Grinzing nach Nussdorf
Die schönste Art, das zu verbinden, ist zu Fuß. Die Strecke über den Nussberg dauert je nach Tempo und Anzahl der Einkehrschwünge zwei bis vier Stunden.
- Mit der Straßenbahn 38 bis Grinzing
- Über die Cobenzlgasse hinauf in die Weingärten
- Am Nussberg entlang – hier liegen die Panorama-Buschenschanken mit Blick über Donau und Stadt
- Abstieg nach Nussdorf, zurück mit der Straßenbahn D
Du brauchst keine Wanderschuhe, Sneaker reichen. Was du brauchst: Bargeld. Viele Buschenschanken nehmen bis heute keine Karte.
Wer lieber oben bleibt: Vom Kahlenberg hast du den klassischen Wienblick, und der Weg hinunter Richtung Nussdorf führt ebenfalls durch die Weingärten.
Was der Abend kostet
Ein Viertel Wein liegt meist zwischen vier und sechs Euro, ein Krügel Sturm ähnlich. Beim Essen zahlst du nach Gewicht – für einen ordentlichen Teller vom Buffet rechne mit acht bis fünfzehn Euro. Ein Heurigenabend zu zweit mit Essen und je drei Vierteln landet damit meist zwischen fünfzig und siebzig Euro. Das ist für Wiener Verhältnisse günstig.
Ein paar Regeln, die niemand aufschreibt
- Tische werden geteilt. Wenn Platz frei ist, fragst du kurz und setzt dich dazu. Das ist normal und nicht unhöflich.
- Reservieren ist unüblich beim klassischen Buschenschank, bei den größeren Betrieben in Grinzing aber möglich und an Wochenenden ratsam.
- Gespritzt ist keine Schande. Wein mit Soda ist in Wien ein eigenständiges Getränk, kein Notbehelf.
- Fahr nicht mit dem Auto. Das ist keine Erziehungsmaßnahme, sondern praktisch: Die Öffis fahren bis spät, und die Wege durch die Weingärten sind Teil des Vergnügens.
Und im Winter?
Die Saison endet nicht mit dem Herbst. Viele Betriebe sperren durchgehend auf, dann eben in der Stube statt im Garten. Ab Mitte November kommt der Junge Wiener zum Ausschank – der erste fertige Wein des Jahrgangs. Und wer im Frühling wiederkommt, erlebt die Weingärten grün statt golden. Der Herbst bleibt aber die Saison, für die das alles gemacht ist.