Die Wiener Küche ist keine Diätküche. Sie ist reichhaltig, deftig, butterlastig und kompromisslos in ihrem Anspruch, glücklich zu machen. Über Jahrhunderte hat Wien kulinarische Einflüsse aus dem gesamten Habsburgerreich aufgesogen – böhmische Mehlspeisen, ungarisches Gulasch, italienische Einflüsse – und daraus etwas Eigenes geschaffen. Hier sind die 12 Gerichte, die du in Wien unbedingt probieren musst, ihre Geschichten und die besten Orte, um sie zu essen.
Die herzhaften Klassiker
1. Wiener Schnitzel – Das Nationalheiligtum
Kein Gericht ist so untrennbar mit Wien verbunden wie das Schnitzel. Ein echtes Wiener Schnitzel besteht aus dünn geklopftem Kalbfleisch, paniert mit Mehl, Ei und Semmelbröseln, goldbraun in Butterschmalz herausgebacken. Die Panier muss sich leicht vom Fleisch lösen und wellenförmig aufgehen – das nennt man „souffliert". Serviert wird es traditionell mit Preiselbeeren, einem Zitronenschnitz und Kartoffelsalat oder Petersilkartoffeln.
Wichtig: Wenn auf der Karte „Schnitzel Wiener Art" steht, ist es Schweinefleisch – günstiger, aber nicht das Original. In einem guten Wiener Beisl legt man für das echte Kalbsschnitzel zwischen 18 und 28 € auf den Tisch, und es lohnt sich.
Wo: Das Figlmüller (Wollzeile / Bäckerstraße) ist der berühmteste Schnitzel-Tempel der Stadt – die Schnitzel ragen über den Tellerrand hinaus. Wer die Warteschlange vermeiden will: Meixner's Gasthaus (3. Bezirk) und Schnitzelwirt (7. Bezirk) bieten exzellente Qualität ohne den Hype.
2. Tafelspitz – Das Gericht der Kaiser
Tafelspitz ist gekochtes Rindfleisch in seiner edelsten Form: Ein Stück vom Tafelspitz (ein bestimmter Teil der Rinderkeule) wird langsam in einer aromatischen Brühe gegart, bis es butterweich ist. Serviert wird es mit Apfel-Kren (Meerrettich mit geriebenen Äpfeln), Schnittlauchsauce und Rösterdäpfeln. Die Brühe gibt es oft als Vorspeise mit Frittaten (geschnittene Pfannkuchen) oder Grießnockerln.
Kaiser Franz Joseph soll Tafelspitz fast täglich gegessen haben. Das Gericht steht für die feine Seite der Wiener Küche – schlicht, aber in der Perfektion anspruchsvoll.
Wo: Das Plachutta (mehrere Standorte, Flaggschiff an der Wollzeile) hat den Tafelspitz zur Marke gemacht und serviert über ein Dutzend verschiedene Siedfleisch-Varianten. Wer es bodenständiger mag: das Gasthaus Pöschl (Weihburggasse, 1. Bezirk) kocht einen hervorragenden Tafelspitz zu fairen Preisen.
3. Gulasch – Der böhmisch-ungarische Import
Das Wiener Gulasch unterscheidet sich deutlich vom ungarischen Original: Es ist weniger suppig, dickflüssiger und wird ausschließlich mit Rindfleisch zubereitet – kein Schwein, kein Lamm. Die Sauce basiert auf Zwiebeln (viele Zwiebeln), Paprika, Kümmel und einem guten Schuss Essig, der dem Ganzen die typisch wienerische Säure gibt. Dazu gibt es Semmel oder Nockerl.
In jedem Wiener Beisl gibt es Gulasch, und in den meisten Kaffeehäusern steht es ebenfalls auf der Karte – es gilt als das ultimative Comfort Food.
Wo: Das Gulaschmuseum (Schulerstraße, 1. Bezirk) serviert über 15 verschiedene Gulasch-Varianten. Im Café Landtmann und im Café Sperl bekommst du solides Kaffeehaus-Gulasch in klassischer Atmosphäre.
4. Beuschel – Für die Mutigen
Beuschel ist ein Ragout aus Kalbslunge und Kalbsherz in einer säuerlichen Sauce mit Kapern und Zitrone, serviert mit Semmelknödeln. Es klingt abenteuerlich, schmeckt aber überraschend mild und delikat. In Wien gehört Innereienküche zur kulinarischen Tradition, und das Beuschel ist ihr bekanntester Vertreter.
Wo: Gasthaus Rebhuhn (Berggasse, 9. Bezirk) – ein Traditionslokal, das Innereiengerichte auf hohem Niveau serviert.
5. Würstel vom Stand – Wiens Fast Food
Die Würstelstände gehören zu Wien wie die Kaffeehäuser. An den kleinen Buden, die vor allem nachts Hochbetrieb haben, gibt es: Käsekrainer (Bratwurst mit geschmolzenen Käsestückchen, die heiß herauslaufen – Vorsicht!), Frankfurter (in Österreich „Wiener" genannt – ja, das ist verwirrend), Burenwurst und Bosna (eine scharfe Bratwurst im Baguette mit Zwiebeln und Currygewürz).
Dazu ein Pfiff Bier (kleines Glas), Senf und ein Stück Brot – Wien-Flair um 3 Uhr morgens.
Wo: Der Bitzinger Würstelstand an der Albertina (neben der Oper) ist der berühmteste – Opernbesucher in Abendgarderobe stehen neben Partygängern in Sneakers. Der Würstelstand LEO am Donaukanal (Schwedenplatz) ist ebenfalls legendär.
6. Naschmarkt – Die kulinarische Weltreise
Der Naschmarkt ist weniger ein einzelnes Gericht als ein kulinarisches Erlebnis. Auf über 500 Metern reihen sich Stände mit Gewürzen, Oliven, Käse, Meeresfrüchten, türkischen Süßigkeiten, persischem Reis und steirischem Kürbiskernöl aneinander. Zwischen den Ständen sitzen Menschen in kleinen Lokalen und essen Sushi, Falafel, Langos oder frische Austern.
Tipp: Nicht in den Restaurants direkt am Markt essen (überteuert), sondern an den Ständen probieren. Der Samstags-Flohmarkt am Ende des Markts ist ein Bonus.
Die süßen Legenden
7. Sachertorte – Der Schokoladenklassiker
Die Sachertorte wurde 1832 vom 16-jährigen Kochlehrling Franz Sacher erfunden und ist seitdem Gegenstand eines der berühmtesten Rechtsstreits der Kulinarik-Geschichte: Wer macht die „Original" Sachertorte – das Hotel Sacher oder die Konditorei Demel? Das Hotel Sacher gewann, aber beide Versionen sind hervorragend.
Die echte Sachertorte besteht aus Schokoladenbiskuit, einer Schicht Marillenmarmelade und einem Überzug aus dunkler Schokoladenglasur. Dazu gehört ein großer Klecks Schlagobers (ungesüßte Schlagsahne). Ohne Schlagobers ist es nur ein halbes Erlebnis.
Wo: Hotel Sacher (Philharmonikerstraße, hinter der Oper) für das offizielle Original. Demel (Kohlmarkt) für die Alternativversion und das vielleicht schönste Konditoreischaufenster der Welt.
8. Apfelstrudel – Dünn wie Papier
Ein guter Wiener Apfelstrudel beginnt mit einem Strudelteig, der so dünn ausgezogen wird, dass man eine Zeitung darunter lesen kann. Gefüllt wird er mit säuerlichen Äpfeln, Rosinen (die in Rum eingelegt waren), Zimt, Zucker und Semmelbröseln, die in Butter geröstet wurden. Serviert wird er warm, mit Vanillesauce oder Schlagobers.
Wo: Das Strudel-Show im Schönbrunner Café Residenz zeigt die Zubereitung live und serviert danach frisch. Für den alltäglichen Genuss: fast jedes Kaffeehaus hat seinen eigenen Apfelstrudel auf der Karte.
9. Kaiserschmarrn – Der Pfannkuchen des Kaisers
Kaiserschmarrn ist ein zerrissener, dicker Pfannkuchen aus einem fluffigen Teig (mit Rosinen oder ohne – darüber streiten sich Wiener leidenschaftlich), bestäubt mit Staubzucker und serviert mit Zwetschgenröster (eingekochte Pflaumen). Der Name geht – je nach Legende – auf Kaiser Franz Joseph zurück, dem das Gericht angeblich so gut schmeckte, dass es nach ihm benannt wurde.
Kaiserschmarrn ist so sättigend, dass er in Wien auch als Hauptgericht gilt. Bestelle ihn niemals als Nachspeise, wenn du schon drei Gänge hattest – es sei denn, du hast kaiserlichen Appetit.
Wo: Der Kaiserschmarrn im Tirolergarten (Schlosspark Schönbrunn) ist legendär. In der Innenstadt serviert das Café Diglas eine ausgezeichnete Version.
10. Palatschinken – Nicht einfach Pfannkuchen
Palatschinken sind dünne, crêpe-ähnliche Pfannkuchen, die in Wien mit allem Möglichen gefüllt werden: Marillenmarmelade (der Klassiker), Topfen (Quark), Schokolade, Nüsse oder herzhaft mit Spinat und Käse. In der gehobenen Variante werden sie flambiert.
Wo: In jedem Beisl und Kaffeehaus. Besonders gut: Palatschinkenpfandl nahe dem Naschmarkt, ein kleines Lokal, das sich voll auf Palatschinken spezialisiert hat.
11. Marillenknödel – Sommerklassiker
Wenn im Juli und August die österreichischen Marillen (Aprikosen) Saison haben, stehen in ganz Wien Marillenknödel auf der Karte: ganze Marillen, eingehüllt in Topfen- oder Kartoffelteig, in Butter und Semmelbröseln gewälzt, mit Staubzucker bestreut. Ein saisonales Gericht, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
Wo: Glacis Beisl (neben dem MuseumsQuartier) serviert im Sommer exzellente Marillenknödel in entspannter Gartenatmosphäre.
12. Punschkrapfen – Pink und gefährlich
Der Punschkrapfen ist Wiens buntestes Gebäckstück: ein kleiner, leuchtend pinker Würfel aus Biskuit, getränkt mit Rum-Punsch und überzogen mit rosa Fondant. Er schmeckt süß, fruchtig und deutlich nach Alkohol – ein Stück österreichische Patisserie-Kunst, das es nur hier gibt.
Wo: Die Konditorei Oberlaa (mehrere Standorte) und jede gute Wiener Bäckerei. Am Naschmarkt gibt es sie einzeln zum Probieren.
Wo Einheimische wirklich essen: Das Wiener Beisl
Vergiss die touristischen Restaurants direkt an den Sehenswürdigkeiten. Wer essen will wie ein Wiener, geht ins Beisl – Wiens Version der Kneipe, nur mit deutlich besserem Essen. Ein gutes Beisl erkennt man an: handgeschriebener Tageskarte, Holzvertäfelung, Stammtisch in der Ecke und Portionen, die keine Fragen offenlassen.
Unsere Beisl-Empfehlungen:
Zum Alten Fassl (Zieglergasse, 5. Bezirk) – Klassische Wiener Küche, riesige Schnitzel, fairer Preis. Bei Einheimischen beliebt.
Silberwirt (Schlossgasse, 5. Bezirk) – Gehobene Beisl-Küche mit saisonaler Karte und einem der schönsten Gastgärten.
Gasthaus Pöschl (Weihburggasse, 1. Bezirk) – Mitten in der Innenstadt, trotzdem authentisch. Tafelspitz und Beuschel auf hohem Niveau.
Steman (Otto-Bauer-Gasse, 6. Bezirk) – Seit 1920 unverändert. Tagesmenü unter 12 €, ehrliche Küche, Wiener Atmosphäre ohne Filter.
Kulinarische Souvenirs: Was du mitnehmen solltest
Kürbiskernöl – Das dunkelgrüne, nussige Öl aus der Steiermark findest du auf dem Naschmarkt. Es ist perfekt für Salate und ein Geschenk, das niemand erwartet.
Mannerschnitten – Die rosa Waffeln mit Haselnusscreme sind Wiens beliebtestes Mitbringsel. Gibt es in jedem Supermarkt, aber die Mannerfabrik am Stephansplatz hat Sorten, die es sonst nirgends gibt.
Mozartkugeln – Ja, sie kommen eigentlich aus Salzburg, aber Wien hat seine eigenen Varianten. Die handgemachten sind deutlich besser als die industriellen.
Sachertorte – Das Hotel Sacher verschickt die Torte in einer eleganten Holzkiste. Nicht billig, aber als Geschenk ein Volltreffer.
Mehr kulinarische Erlebnisse findest du in unserer Kategorie Märkte, Kaffeehäuser & Kulinarik. Entdecke den Naschmarkt, das Café Central oder stöbere durch alle Sehenswürdigkeiten in Wien.