Der 1. Bezirk zu Fuß – ein Rundgang durch die Wiener Innenstadt

Der erste Bezirk ist kleiner, als die meisten erwarten – vom Stephansdom zur Staatsoper sind es sieben Minuten. Eine Route für drei bis vier Stunden, mit Kaffeepause und den Gassen, die kaum jemand kennt.

Der erste Bezirk ist kleiner, als die meisten erwarten. Vom Stephansdom bis zur Staatsoper sind es sieben Minuten zu Fuß, einmal quer durch die Innenstadt zwanzig. Genau das macht ihn zum besten Fußgänger-Revier Wiens: Du brauchst an keinem Punkt ein Verkehrsmittel.

Diese Route führt in etwa drei bis vier Stunden durch die Innenstadt – mit Kaffeepause, ohne Museumsbesuche. Wer unterwegs einkehrt oder abbiegt, braucht länger. Das ist erwünscht.

Start: Stephansplatz

Der Stephansdom steht seit dem 12. Jahrhundert an dieser Stelle, in seiner heutigen Form seit dem 14. und 15. Der Südturm, von den Wienern "Steffl" genannt, ist 136 Meter hoch – 343 Stufen führen hinauf zur Türmerstube. Der Nordturm blieb unvollendet und hat dafür einen Aufzug zur Pummerin, der größten Glocke Österreichs.

Achte auf das Dach. Die 230.000 glasierten Ziegel bilden auf der Südseite den Doppeladler, auf der Nordseite die Wappen von Wien und Österreich. Das Dach wurde nach dem Brand von 1945 rekonstruiert.

Der Stephansplatz selbst ist der Mittelpunkt der Stadt – im Wortsinn, alle Entfernungsangaben in Wien beziehen sich auf ihn.

Über den Graben zum Kohlmarkt

Vom Dom westwärts auf den Graben. Der Name ist wörtlich zu nehmen: Hier verlief der Wehrgraben des römischen Legionslagers Vindobona. Heute ist es Wiens Prachtstraße mit der Pestsäule in der Mitte, gestiftet nach der Epidemie von 1679.

Ein Detail, das viele übersehen: die beiden Jugendstil-Bedürfnisanstalten von Adolf Loos, unterirdisch, mit Mahagoni und Messing – bis heute in Betrieb.

Am Ende des Grabens knickt es nach links in den Kohlmarkt, die teuerste Einkaufsstraße Wiens. Der Blick geradeaus auf die Kuppel der Michaelerkirche und das Michaelertor der Hofburg ist eine der besten Perspektiven der Stadt – und der Grund, warum hier immer jemand fotografiert.

Kurzer Abstecher wert: die Peterskirche hinter dem Graben. Von außen unscheinbar zwischen die Häuser gequetscht, innen barock bis zur Überwältigung. Der Eintritt ist frei, und mittags gibt es oft Orgelkonzerte.

Hofburg und Heldenplatz

Durch das Michaelertor betrittst du die Hofburg, sechshundert Jahre lang Residenz der Habsburger und heute Amtssitz des Bundespräsidenten. Der Komplex ist über die Jahrhunderte gewachsen und entsprechend unübersichtlich – jeder Herrscher baute an.

Innen liegen Kaiserappartements, Sisi-Museum und Silberkammer, außerdem die Spanische Hofreitschule. Wer die Lipizzaner sehen will, ohne eine Galavorstellung zu buchen: Die Morgenarbeit ist deutlich günstiger und für die meisten ausreichend.

Weiter auf den Heldenplatz. Ein Platz mit schwerer Geschichte – von hier verkündete Hitler 1938 den "Anschluss" Österreichs. Die Neue Burg im Rücken beherbergt heute Museen und Teile der Nationalbibliothek.

Wer eine Pause im Grünen braucht: Der Volksgarten gleich nebenan hat über 3.000 Rosenstöcke und im Sommer den vielleicht schönsten Sitzplatz der Innenstadt.

Maria-Theresien-Platz und die Ringstraße

Über den Ring erreichst du den Maria-Theresien-Platz, flankiert vom Kunsthistorischen und dem Naturhistorischen Museum. Beide Gebäude sind spiegelgleich – ein Symmetriegedanke des 19. Jahrhunderts, der bis in die Details durchgehalten wurde.

Hier bist du an der Ringstraße, dem Prachtboulevard, der ab 1857 anstelle der geschleiften Stadtmauern entstand. In beide Richtungen liegen Parlament, Rathaus und Votivkirche.

Tipp: Wenn die Füße schwer werden, steig in die Straßenbahn 1 oder 2 und fahr eine Runde. Das kostet ein normales Ticket und ersetzt jede Sightseeing-Tour.

Zurück durch die stillen Gassen

Der spannendere Rückweg führt nicht über die Einkaufsstraßen, sondern durch das mittelalterliche Wien.

Über die Freyung – der Name kommt vom Asylrecht des Schottenstifts, hier war man vor Verfolgung "frei". Weiter zum Judenplatz mit Rachel Whitereads Mahnmal, einer nach außen gekehrten Bibliothek aus Beton. Darunter liegen die Fundamente der 1421 zerstörten Synagoge.

Von dort sind es wenige Schritte zur Ruprechtskirche, der ältesten Kirche Wiens, efeubewachsen und meist menschenleer. Der Kontrast zum Dom könnte kaum größer sein.

Über die Jesuitenkirche am Universitätsplatz – ihre gemalte Scheinkuppel ist ein Meisterstück der Illusionsmalerei; stell dich auf die markierte Stelle im Boden – zurück Richtung Dom.

Wo du unterwegs einkehrst

Der erste Bezirk hat die dichteste Kaffeehauskonzentration der Stadt. Vier, die auf der Route liegen:

  • Café Central – am Herrengasse, prächtig und entsprechend voll. Mit Wartezeit rechnen.
  • Café Hawelka – klein, dunkel, unverändert. Legendär für die Buchteln am Abend.
  • Café Landtmann – am Ring, Freuds Stammlokal, förmlicher.
  • Café Sacher – hinter der Oper, für die Torte. Touristisch, aber man macht es eben einmal.

Für den schnellen Hunger zwischendurch: der Würstelstand Bitzinger bei der Albertina, wo nach der Opernvorstellung Abendgarderobe neben Baustellenjacke steht. Eine Käsekrainer dort ist so wienerisch wie das Kaffeehaus.

Praktisches

  • Schuhe: Kopfsteinpflaster, überall. Keine dünnen Sohlen.
  • Zeitpunkt: Früh am Morgen ist die Innenstadt fast leer – zwischen 8 und 10 Uhr hast du den Graben fast für dich.
  • Kirchen: Während der Messen ist Besichtigung nicht möglich oder eingeschränkt, sonntagvormittags gilt das für fast alle.
  • Auto: Der gesamte erste Bezirk ist Kurzparkzone, teilweise Fußgängerzone. Komm mit den Öffis.

Wenn du danach mehr willst: Die Plätze, Straßen & Viertel und die Kirchen & Sakralbauten in unserem Verzeichnis führen dich zu den Orten, die auf dieser Route keinen Platz hatten.